09.09.2011, von: Susanna Stock
Unsicherer Transport: In Schwellenländern werden Lebensmittel vielerorts mit Moped zum Verkaufsort gebracht. Selten bleibt die Ware dabei unversehrt.
Quelle: Misereor
Im Rahmen der von der Messe Düsseldorf in's Leben gerufenen Initiative "Save Food" will die Verpackungsbranche Lebensmittelverluste stärker bekämpfen. In einem aktuellen Statusbericht fassen die Initiatoren zusammen: Einfache, dezentrale Verpackungsmaschinen für Schwellenländer sollen die Nahrungsmittelsicherheit verbessern, smarte Verpackungen die Wegwerfmentalität in westlichen Industrienationen eindämmen.
"Ein Drittel der global produzierten Lebensmittel, jährlich rund 1,3 Milliarden Tonnen, geht auf dem Weg vom Acker zum Verbraucher verloren oder wird verschwendet", sagt Jenny Gustavsson vom Schwedischen Institut für Lebensmittel- und Biotechnologie (SIK). Würden diese Verluste durch einen effizienteren Umgang mit Nahrungsmitteln reduziert, ließen sich Hungersnöte eindämmen. Gustavsson zählt zu den Verfassern zweier von der FAO beauftragter Studien. Sie dienen als Grundlage der Initiative Save Food, die die FAO und die Messe Düsseldorf zur interpack im Mai 2011 ins Leben gerufenen hatten.
Die Ergebnisse der Studien könnten die globale Ernährungspolitik grundlegend verändern. Bisher galt es als notwendig, dass die Lebensmittelproduktion bis 2050 um 70 Prozent gesteigert werden muss, um künftig alle Menschen ausreichend mit Nahrung zu versorgen. Jetzt gelten neue Ziele: "Angesichts weltweit knapper werdender Ressourcen ist es wirksamer, Lebensmittelverluste zu reduzieren, als die Produktion zu erhöhen, sagt Robert von Otterdijk, FAO-Beauftragter für SAVE FOOD.
Inder auf Einkaufstour: Die Länder in Asien wachsen schnell und benötigen dringend Verpackungsmaschinen zur Sicherung ihrer Ernten.
Quelle: Messe Düsseldorf
In den ärmeren Ländern Afrikas und Asiens liegt das Problem am Anfang der Wertschöpfung. Pro Kopf gehen dort laut SIK jährlich 6 bis 11 Kilogramm Nahrung wegen Defiziten bei den verwendeten Erntetechniken verloren, oder weil Nahrungsmittel nicht rechtzeitig vom Produzenten zum Konsumenten gebracht werden. Bei den teilweise extremen klimatischen Bedingungen werden Obst und Milch schlecht, Fleisch mit gefährlichen Keimen besiedelt und ungenießbar.
Noch viel mehr Lebensmittel pro Kopf gehen jedoch in Europa und Nordamerika verloren: 95 bis 115 Kilogramm werden in den Industriestaaten pro Person und Jahr einfach in den Abfall geworfen, obwohl sie noch für den Verzehr geeignet gewesen wären.
Unnötiges Entsorgen schürt den Hunger in den ärmeren Weltregionen. "Lebensmittel werden international gehandelt. Wer sie in reichen Ländern verschwendet, beeinflusst die Preise in der übrigen Welt und trägt dazu bei, dass manche Produkte in armen Gegenden unerschwinglich werden", erklärt Gustavsson. Wandert Essbares in die Tonne, treibt das zudem den Energie- und Ressourcenverbrauch. Die Gleichung ist einfach: Wenn ein Drittel der produzierten Lebensmittel verkommt, wird auch ein Drittel der zur Produktion eingesetzten Ressourcen wie beispielsweise Wasser verschwendet und ein Drittel klimaschädliche Emissionen mehr als nötig in die Luft geblasen.
Gegen Verschwendung: Die entwickelten Länder tragen mit ihrer Wegwerfmentalität Mitschuld an steigenden Preisen für Nahrungsmittel, sagt UN-Experte Klaus Töpfer.
Quelle: Messe Düsseldorf
"Die entwickelten Länder müssen sich im Kampf gegen Wegwerfmentalität und Energieverschwendung klare Ziele setzen", sagt Klaus Töpfer, der frühere Chef des UN-Umweltprogramms und Kopf der von der deutschen Bundesregierung eingesetzten Ethikkommission für eine sichere Energieversorgung. Neben der Politik und den Konsumenten sieht er besonders die Verpackungsindustrie in der Pflicht, gemeinsam mit anderen Branchen Lösungen im Rahmen der Lebensmittel-Wertschöpfungskette zu entwickeln.
Die Verpackungsbranche will ihren Beitrag leisten und arbeitet an neuen Konzepten für Herstellung und Vertrieb von Verpackungsmaschinen sowie smarten Verpackungsideen: "Zum Beispiel könnte eine Messung der Haltbarkeit des Inhalts durch die Verpackung selbst in Zukunft dazu beitragen, dass weniger Lebensmittel weggeworfen werden, die noch zum Verzehr geeignet sind", sagt Christian Traumann, Geschäftsführer des deutschen Verpackungsmaschinenherstellers Multivac. In Schwellenländern wiederum könnten kleine, dezentrale Lösungen zur Nahrungsmittelsicherheit und Armutsbekämpfung beitragen.
Während Bauern z. Bsp. in Nigeria erst einmal überzeugt werden müssen, dass sie ihre Rohstoffe besser am Ursprungsort verpacken als sie ungeschützt auf Reisen zu schicken, kann die Branche die westliche Sorglosigkeit nur mit Hightech bekämpfen. "Viele Verbraucher sehen das Mindesthaltbarkeitsdatum als Trennungsabsolution, obwohl viele Lebensmittel nach Ablauf noch frisch sind", erklärt Stephan Grünewald vom Kölner Markt- und Medienanalyse-Institut rheingold.
Es gibt längst marktfähige Lösungsansätze, hier gegenzusteuern: Zum Beispiel entwickelt die Industrie Zeit-Temperatur-Indikatoren, die jederzeit über den Frischezustand des Produkts informieren. BASF bietet bereits mit einer speziellen Pigmentfarbe versehene so genannte "OnVu-Etiketten" an, die auf die Verpackung gedruckt werden. Wird der Inhalt ungenießbar, schlägt die Farbe um.
Solche Innovationen werden sich aber nur durchsetzen, wenn die Lebensmittelkonzerne kooperieren. Zwischen Acker und Discounter besetzen sie die Schlüsselposition: Sie steuern die Nachfrage bei den lokalen Erzeugern und das Lebensmittelangebot, aus dem der Konsument auswählt. Die gute Nachricht: Einige "big player" wie der Schweizer Lebensmittelproduzent Nestlé haben sich der Initiative Save Food bereits angeschlossen. Er will seine Emissionen durch Effizienzgewinne bei Verpackung und Produktion sowie eine stärkere Nutzung erneuerbarer Energien bis 2015 um 20 Prozent senken. "Wir möchten nachhaltiger wirtschaften und so den Hunger in der Welt mildern", sagt Philippe Roulet, Leiter Global Packaging Materials & Training bei Nestlé. Dafür will der Konzern unter anderem mehr Biokunststoffe aus Nicht-Lebensmittel-Quellen wie Holz oder Algen als Verpackungsmaterial nutzen.
Verpackungshersteller und Anbieter von Verpackungsmaschinen unterstützen die Lebensmittelanbieter bei der Umsetzung ihrer Nachhaltigkeitsstrategien. "Smart Packaging" heißt ein Lösungsansatz: Intelligente und aktive Systeme zeigen den Qualitätszustand eines Produktes an und können dessen Haltbarkeit mit Sauerstoffabsorbern oder speziellen Säuren sogar verbessern. Solche Verpackungen helfen überall in der Welt, denn rund um den Globus gilt: Je länger Nahrung verzehrt werden kann, desto weniger geht verloren.
Die US-Firma Sonoco ist einer der Innovationstreiber. Sie entwickelt Verpackungen mit integrierten Mikrochips, die über Sensoren stetig Informationen über den Zustand eines Produkts wie Feuchte und Temperatur sammeln. Sie schlagen Alarm, wenn programmierte Schwellenwerte über- oder unterschritten werden. Außerdem können die Chips zur Distributionssicherheit beitragen und Logistiklücken aufdecken, denn mit Radiofrequenztechnik lassen sich große Informationsmengen über Waren blitzschnell abrufen oder aufladen.
Sonoco-Verpackungen sollen noch mehr leisten: Sie treten in Wechselwirkung mit dem Füllgut, beseitigen schädlichen Sauerstoff und Mikroben und verbessern so die Haltbarkeit und Qualität der Produkte. Das deutsche Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung (IVV) bietet solche Konservierungslösungen bereits an. "Wir integrieren Sauerstoffabsorber wie Eisen in die Polymermatrix des Packstoffs", sagt IVV-Forscher Sven Sängerlaub. In derart präparierten PET-Flaschen seien sauerstoffempfindliche Getränke wie Bier oder Fruchtsäfte länger genießbar. Zudem hat das IVV eine antimikrobiell wirksame Folie entwickelt, die Sorbinsäure an die Oberfläche des Lebensmittels, den Angriffspunkt für Kontaminationen, abgibt und es so konserviert.
Auch aseptisch verpackte Lebensmittel halten länger. Beim aseptischen Prozess werden Produkt und Verpackung getrennt voneinander sterilisiert. Anschließend wird das Produkt in einem geschlossenen, sterilen System abgefüllt und die Verpackung danach versiegelt. So werden sämtliche Bakterien abgetötet und können die Ware nicht erneut befallen. Der Vorteil der Technik: Das Lebensmittel muss nicht mehr in der Verpackung mit hohen Temperaturen erhitzt werden. "Das bedeutet, dass deutlich weniger Packstoff verwendet werden kann und der Energieeinsatz für das Verpacken im Vergleich zu herkömmlichen Systemen um bis zu 70 Prozent sinkt", erklärt Friedbert Klefenz, Vorsitzender des Bereichsvorstands von Bosch Packaging Technology. Außerdem bräuchten aseptisch verpackte Lebensmittel keine Kühlkette. "Deshalb können wir mit dieser Form der Verpackung auch Menschen versorgen, die keinen Kühlschrank haben." Bosch hat bereits diverse aseptisch arbeitende Maschinen für flüssige und pastöse Lebensmittel im Angebot.
In Schwellenländern dürften derartige Technologien aber vorerst weniger gefragt sein. Wer soll sie bezahlen und bedienen? Dafür steigt dort der Bedarf an kleinen, dezentralen Verpackungsmaschinen. "In Indien haben wir speziell für die örtlichen Bedürfnisse entwickelte Maschinen auf Lastwagen montiert, um Bauern und Behördenvertretern die Vorteile verpackter Lebensmittel zu zeigen. Die Bauern haben schnell erkannt, wie sinnvoll es ist, ihre Ernte zu verpacken", sagt Klefenz. Bosch will daher künftig mehr Maschinen in die Schwellenländer exportieren. "Ziel ist eine möglichst flächendeckende Verbreitung, um schon vor Ort die Ware vor dem Verderben zu schützen."